Roth und seine Zeit

Die Dichter und Denker um und nach der Jahrhundertwende haben es gespürt: Ein neues Zeitalter ist angebrochen, geprägt durch so genannte neue Ideen, durch modernes Denken. Technik und Fortschritt sind auf dem Vormarsch. Doch schon die Marxisten im abgelaufenen Jahrhundert hatten das mit Skepsis registriert: Die Mitmenschlichkeit, die absoluten sittlichen Forderungen, wie sie die Religion und auch Kant noch gestellt hatten, blieben auf der Strecke. Während eine sensationelle Neuerung auf wissenschaftlicher und technischer Ebene die nächste ablöst, hinkt die soziale Frage ächzend hinterher. Die Emanzipation vom tradierten jüdisch-christlichen Gottesbild, die in die Negation Gottes, in Atheismus und, wie Dostojewski gezeigt hat, verheerenden Nihilismus mündet, hat zur Folge, dass Normen, Werte, ein Sittengesetz neu definiert werden müssen. Aber - das Problem hatte schon Kant - mit welcher Autorität? Die göttliche fällt weg. Sie kann nicht einfach durch die Hintertür ethischer Postulate zurückgeholt werden. Und wo das Kapital und die Großmannssucht regieren, erfolgt die "Umwertung" keinesfalls ohne Eigennutz und nicht ohne eine massive Benachteiligung der Schwachen, die etwa in der biblischen Thora noch unter Gottes besonderem Schutz stehen. Man fühlt sich keinem Ethos mehr verpflichtet außer dem eigenen Profit, Genuss und Wohlergehen. Das Individuum steht im Wertevakuum, fühlt sich vereinzelt und, abgeschnitten von der Werte- und Sozialgemeinschaft, zu keinerlei Solidarität mehr verpflichtet.

Und ein gewisser Doktor Stauber, der noch der älteren Generation angehört, darf seine Vermutung äußern, dass moralische Grundüberzeugungen und -werte seit jeher einen schweren Kampf gegen den genuinen Egoismus des Menschen geführt haben, der nun, entfesselt durch die scheinbar erwiesene Autonomie des Menschen und die "sogenannten modernen Ideen" in ihrem Fahrwasser, entschieden scheint:

"[...] Und früher wieder, wissen Sie, in der Epoche, aus der ich eben komme, wo die Begriffe so unwiderruflich festgestanden sind, wo jeder zum Beispiel genau gewußt hat: man hat seine Eltern zu verehren, sonst ist man ein Schuft [...], schon damals haben die sogenannten modernen Ideen mehr Anhänger gehabt, als man ahnt. Nur, daß es diese Anhänger selbst manchmal nicht recht gewußt, daß sie selber ihren Ideen nicht getraut, daß sie sich gewissermaßen wie Auswürflinge oder gar wie Verbrecher vorgekommen sind. [...]"

Die Verbrecher des 20. Jahrhunderts fühlen sich nicht als solche; dafür aber nehmen ihre Verbrechen eine neue Qualität an. Der Weg hierhin lässt sich unschwer nachzeichnen. Kirche und Staat sind getrennt. Entscheidungsträger in Staat und Gesellschaft lassen sich von der Kirche keine bindenden Leitlinien mehr geben. Wer ersetzt sie? Wer füllt das ethische Vakuum? Die Intelligentia des säkularen Staates, Dichter und Philosophen, Moralisten und Theologen, prägen zwar die Meinungsbildung, aber mindestens ebenso stark beeinflussen die materiellen Interessen von Unternehmern und Wirtschaftsfunktionären das politische Handeln. Dabei sind Wirtschaft und Politik womöglich enger miteinander verwoben als es an den Höfen der Könige und Fürsten in früherer Zeit Adel und Künstlertum oder Staat und Klerus waren. Hinzu kommt, dass die europäischen Gesellschaften instabil sind, verstört durch einen Krieg, wie es ihn noch nie gegeben hat, verstört auch durch den raschen politischen, gesellschaftlichen und moralischen Wandel und manipulierbar durch die verlockenden Angebote verschiedenster vernünftig scheinender neuer Weltanschauungen, deren Tragfähigkeit sich zwar noch nicht erwiesen hat, die aber einen Versuch der Umsetzung wert scheinen. Die Entscheidung darüber, welche politische Richtung den Vorzug bekommt, wird bestimmt durch das Charisma der politischen Führer, die ihren Glanz nicht selten dem revolutionär-respektlosen und radikalen Umgang mit dem Althergebrachten, humanen Werten, gesellschaftlichen Tabus, sittlichen Postulaten verdanken. An ihrer Stelle werden neue errichtet, die vorerst keiner Prüfung unterliegen. Eines davon ist, dass Fortschritt nichts Böses sein könne, ein anderes, dass im Krieg der Sieg um jeden Preis zählt - Krieg ohne sittliche Schranken. Damit schlittert Europa teils sogar noch euphorisch in eine Katastrophe hinein, wie man sie noch nie erlebt hat: blutige Materialschlachten, Tanks, die alles plattwalzen, Kampfgas. Am Ende steht die völlige Zersplitterung von Österreich-Ungarn. Der Versailler Vertrag ist durchtränkt von der unbarmherzigen Überzeugung, dass Besiegte nicht geschont werden müssen. In der Zeit des politischen Umbruchs und des Wertewandels wird dann der politische Mord als Mord für die Idee alltäglich, ob in Jekaterinburg, München oder Berlin. Europa taumelt: Straßenterror in der Weimarer Republik, soziales Elend und der immer grotesker ausufernde Antisemitismus sind weitere extreme Phänomene. Roth thematisiert das alles in seinem ersten Roman "Das Spinnennetz", dessen Titel die Ähnlichkeit des Hakenkreuzes mit einem Spinnennetz evoziert, eindrucksvoll.
Franz Werfel, der als Jude, den es zum katholischen Glauben hinzog, einen ganz ähnlichen Weg gegangen ist wie Joseph Roth, lässt in seinem Roman "Der veruntreute Himmel", erschienen in Roths Todesjahr 1939, keinen Zweifel daran, was die Ursache des - so wörtlich - "ganzen Elendes" seiner Zeit ist: "der Aufstand gegen die Metaphysik". So jedenfalls das Ergebnis der Erwägungen seines fiktiven Erzählers, den er weiter ausführen lässt:

Ich verabscheue unsagbar den allgemeinen Geisteszustand unserer modernen Welt, jenen religiösen Nihilismus, der als Erbschaft längst verschollener Eliten seit drei Menschenaltern das Gemeingut der Massen geworden ist.

Ganz ähnlich äußert sich in einem Brief von 1934 der Elsässer René Schickele. Er erklärt seinen Roman "Die Witwe Bosca" (1933) als Illustration des Menschen, "der sein Gewissen verlor", nachdem er "die alten metaphysischen Bindungen abgelegt" hat.

Frühwerk (1916-1929)

In diese Zeit der Umbrüche und des grassierenden religiösen Nihilismus ist Joseph Roth Ende des 19. Jahrhunderts hineingeboren worden. 14 Jahre war er alt, als Schnitzlers "Der Weg ins Freie" erschien. In seinem Heimatort Brody hat er gleich beides gut kennen gelernt: die großen Denker der europäischen Aufklärung und die ganz auf ihre Glaubenstraditionen eingeschworenen Ostjuden. Wofür würde Roth sich entscheiden? Für skeptischen Rationalismus oder für gläubigen Traditionalismus? Die Frage zieht sich durch seine gesamte Biografie wie auch durch sein Werk. Dabei lässt sich rasch feststellen: Religion war für Roth immer Thema, auch in seiner Frühphase.
Die Forschung hat einen sozialistisch engagierten Roth ausfindig gemacht, den so genannten "roten Joseph", und einen von Katholizismus und österreichischem Legitimismus getriebenen religiös sich gebärdenden Autor Roth. Der Widerspruch zwischen Sozialismus und religiösem Bekenntnis veranlasste die Forschung zu der Vermutung, Roth habe um 1930 herum ein radikale Wandlung durchgemacht. Obwohl sich gerade am Romanwerk Indizien für einen gewissen Wandel aufzeigen lassen, muss man nicht zwangsläufig den viel zitierten großen Bruch in Roths Biografie diagnostizieren. Vielmehr gewinnt für den aufmerksamen Leser ein Joseph Roth Konturen, der zu jeder Zeit seines Lebens über Gott, über seinen persönlichen Glauben und über Religion als unerlässlichen Bestandteil menschlicher Gesellschaft nachgedacht hat ohne damit gleich zu einem letztgültigen Schluss zu kommen, und ein Joseph Roth, der zeit seines Lebens ein großer Moralist gewesen ist. So gesehen kann man die Frage, ob Roth ein überzeugter Sozialist war, sicher bejahen. Die Frage, ob er je ein überzeugter Marxist oder Kommunist war, muss man verneinen. Die Dogmen und Lehrsätze von Lenin, Marx und Engels interessierten ihn gewiss nicht sonderlich. Roth ging es um die soziale Frage, um soziale Gerechtigkeit und immer um Menschlichkeit.
Das zeigt sich besonders in den frühen Romanen "Das Spinnennetz", "Hotel Savoy" und "Die Rebellion". Wo die geschundene menschliche Kreatur an ungerechten Verhältnissen leidet und zugrunde gehen muss, da gelten ihr Roths Mitgefühl und Sympathie. Doch immer wieder macht Roth schon in seinen frühen Werken deutlich, dass die Negation des Religiösen ethische Probleme nach sich zieht. Ein Lenz, ein Lohse, ein Pansin, die Zippers und Bernheims, ja selbst ein so religiös sich gebärdender Protagonist wie Andreas Pum sind Menschen ohne zutiefst im Religiösen verankertes Lebensgesetz. Sie zerstören und zersetzen die Gesellschaft oder scheitern persönlich. Menschliche Größe dagegen bei Goldscheider, dem Juden mit dem Neuen Testament aus dem Roman "Das Spinnennetz", der sich dem terroristischen Sprengstoffanschlag lieber verweigern möchte, oder bei den Märtyrern der Armut in "Hotel Savoy", dem Clown Santschin etwa oder dem Maler Taddeus Montag. Trotz dieser Ansätze: Ein klares Glaubensgerüst sucht man vorerst vergeblich in Roths Werken. Sein Thema bis 1930 sind eher Menschen in der Irre, Menschen ohne Halt, insbesondere ohne Halt im Religiösen. Roth stellt seiner Zeit die gleiche Diagnose wie Werfel oder Schickele. Sie krankt an Werteverlust, bedingt durch den Verlust religiöser Fundamente.
Herausragend aus der Zeit von 1927 bis 1929 der Roman "Der stumme Prophet". Wie schon ansatzweise in "Die Flucht ohne Ende" stellt Roth nach der Abrechnung mit der Nazi-Ideologie im "Spinnennetz" und in "Rechts und links" im "Stummen Propheten" das kommunistische Regime in Russland an den Pranger. Für den Sozialisten Roth war der inhumane Stalinismus eine Enttäuschung, und zwar weil er eine fragwürdige neue Moral, ja sogar ein neues Glaubensbekenntnis predigte, die zutiefst nicht diejenigen Roths waren. Zugleich zeigt Roth, indem er den russischen Systemkommunismus als Heilslehre - genauer gesagt als Heilsirrlehre - entlarvt, dass es ohne Religion oder religiöses Surrogat offenbar unmöglich ist die Basis für ein funktionierendes gesellschaftliches Miteinander zu schaffen.



Spätwerk (1930-1939)

Immer deutlicher wird bei Roth, dass der Mensch sich nach einer Erlösung und einer Gerechtigkeit sehnt, die es im Immanenten allein nicht gibt. Mit "Hiob", "Tarabas" und mit Abstrichen auch in "Beichte eines Mörders" und "Die hundert Tage" entwirft Roth positive religiöse Gegenbilder zu den negativen und pessimistischen Gesellschaftsanalysen seines Frühwerks. Mendel Singer empfängt wie Hiob den späten Lohn des Gerechten für ein Leben, das Gott länger die Treue hielt, als es Sterblichen normalerweise gelingt. Auch Roths Kollege und Freund im Exil Hermann Kesten, zugleich Herausgeber der beiden ersten Roth-Gesamtausgaben bei Kiepenheuer & Witsch, rekurriert auf Hiob als Vorbild im Leiden und lässt den Erzähler seines Romans "Die Kinder von Gernika" (1938) trotz offensichtlicher religiöser Skepsis angesichts "des Bösen, das auf der Erde geschieht", am Ende zu der Einsicht gelangen: "[...] dieser Mann aus dem Lande Uz hatte recht!" - Oberst Tarabas dann im gleichnamigen Roman vollzieht eine echte Bekehrung vom gewalttätigen Autokraten zum reuigen Sünder und bei Golubtschik in "Beichte eines Mörders" sieht es ganz ähnlich aus. Napoleon hingegen - "Die hundert Tage" - verharrt trotz seiner Demütigung in der Haltung des Rebellen gegen Gott. Als menschlicher Abgott ist er für die Idolatrie und den daraus resultierenden tragischen Untergang der armen Angelina Pietri verantwortlich.
Expressis verbis verdeutlicht Roth im Essay "Der Antichrist" (1934) seinen Standpunkt. Ihm kann eine Art Schlüsselfunktion beigemessen werden um den religiösen Gehalt in Roths Werk zu enthüllen. Denn die moralischen Überzeugungen, die der Essay enthält, etwa zum Thema Antisemitismus und Materialismus, sind die des frühen Joseph Roth ebenso wie die des späten. Doch im "Antichrist" weist Roth ihnen einen klaren biblischen Bezug zu. Und er sucht - trotz der gebliebenen Skepsis des Rationalisten - Trost und Hoffnung im religiösen Bekenntnis, im Glauben an Gottes Allmacht, seine Gerechtigkeit und sein verheißenes eschatologisches Heilshandeln.

Der Habsburg-Komplex

Untrennbar von Roths religiösem Bekenntnis sehen viele sein nostalgisches Heimweh zur untergegangenen Doppelmonarchie und seinen Legitimismus. In seinen späten Werken "Radetzkymarsch", "Das falsche Gewicht", "Die Geschichte von der 1002. Nacht" und "Die Kapuzinergruft" zeigt er aber auch unmissverständlich auf, warum die Habsburger Monarchie untergehen musste: Sie war zersetzt von Doppelmoral und Scheinheiligkeit. Hier zeigt sich Roth in der Tradition des Wiener Impressionismus. Er zeigt, wie ausgehöhlt und brüchig das religiöse Fundament der Gesellschaft längst war, und lässt seine Helden Trotta, Eibenschütz und Taittinger folgerichtig untergehen wie die Donaumonarchie selbst. Gleichzeitig lässt Roth mit seinen Österreich-Romanen den unerfüllbaren Wunsch, die versunkene Heimat als heile Idealwelt zurück zu erlangen, literarisch Wirklichkeit werden. Und er verschweigt in ihnen natürlich auch nicht die glanzvolle, herrliche Seite der Monarchie. Roth hoffte tatsächlich auf die Wiedereinführung der österreichischen Monarchie unter Otto von Habsburg, traf sich mit dem Thronerben, engagierte sich politisch für die Monarchie. Er musste jedoch resignierend mit ansehen, wie die Nazis 1938 alle Restaurationsbemühungen endgültig zunichte machten. Er selbst sollte Österreich nur um ein Jahr überleben.
In allen Romanen des Autors finden sich Spuren religiöser Reflexion. Die Art dieser Reflexionen und das Schicksal der Helden lassen sich wiederum auch auf den Menschen Joseph Roth rückbeziehen. Leben und Werk bedingen einander. Roths trauriges Ende in einem Pariser Armenhospital nährt freilich den Verdacht, dass er im Glauben keinen bleibenden, wurzelfesten Halt fand, auch wenn er ihn wohl suchte. Und vielleicht sah er in der schleichenden Selbstzerstörung durch Alkohol, die ihm ein sorgenvoller Stefan Zweig attestierte, auch eine Art Buße, mit der er sich den Eintritt in ein besseres Leben doch noch zu sichern hoffte.


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Roths dichterisches Werk

Bibliografie

SPECIAL: Wien (G. Biron)


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